Biene im Anflug auf Palmkätzchen

OSTERN bei den Bienen

Karfreitag 2021

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;
Im Tale grünet Hoffnungsglück;

Wir spüren es alle, jetzt, wo die Tage wieder länger werden: dieses Wunder der Auferstehung, das sich nun anschickt, in der Natur wieder zu geschehen, das so lebendig im Osterspaziergang (Faust, 1. Teil) von Johann Wolfgang von Goethe besungen wird.

Es berührt mich jedes Jahr aufs Neue zutiefst, wenn nach Monaten der Kälte, Nässe und Dürre, wo alles in der Natur tot zu sein scheint, im Vorfrühling die Bienen wie aus dem Nichts wieder da sind. Kaum blühen die ersten Primeln und Krokusse, kaum schenkt uns die Sonne ein paar wärmende Strahlen, schon sieht man sie emsig von Blüte zu Blüte fliegen, um tief aus dem Inneren der Blütenkelche winzige Tröpfchen Nektar aufzunehmen und dann schwer beladen, den Honigmagen voll Nektar und mit dicken Pollenpaketen an den Hinterbeinen, zurück in den Bienenstock zu fliegen. Wir stehen vor einer blühenden Salweide, deren Palmkätzchen von Bienen umschwärmt werden, und können uns nur freuen und staunen über dieses Frühlingserwachen, das die Bienen mit einem Schlag eröffnen.

Was wir dabei nicht sehen, ist der Umstand, dass dieses Wunder bereits lange vorher in aller Stille im Finstern des Bienenstocks vorbereitet wurde: Im Winter kuscheln sich die Bienen im Inneren ihrer Behausung in der Wintertraube eng zusammen. Dann und wann nehmen sie dabei ein Tröpfchen von ihren Honigvorräten und die Sommersonne, die im Honig steckt, wird im Bienenkörper wieder frei. So füttern und wärmen sie sich gegenseitig und beschützen in ihrer Mitte die Königin.

Doch schon um die Weihnachtszeit herum beginnt die Königin, zunächst ganz vereinzelt, hier und da ein Ei in eine Wabenzelle zu legen, und allmählich werden es mehr und mehr. Draußen kann es noch eisig kalt und tiefer Winter sein, doch im Bienenstock wachsen junge Bienen im Brutnest heran. Für den Bien, so nannten schon die alten Imker das Bienenvolk und brachten damit zum Ausdruck, dass es sich hierbei um einen Organismus handelt, bei dem die einzelnen Bienen wie Zellen sind, die alle zusammen ein Wesen bilden, für dieses Bienen-Wesen also bedeutet das Heranwachsen von jungen Bienen in seinem Inneren eine große Umstellung. Denn wo Brut gepflegt wird muss die Temperatur deutlich höher sein als sie es in der Wintertraube war. Das Brutnest wird von den Bienen auf 36 Grad Celsius aufgewärmt, was auch der Körpertemperatur von uns Menschen entspricht. Um diese hohe Temperatur zu erzeugen und konstant zu halten verbrauchen die Bienen wesentlich mehr Brennstoff. Die Situation wird für den Bien jetzt sehr kritisch, denn während das Brutnest wächst und der Honigbedarf immer größer wird, schwinden die Honigvorräte rasch dahin. Doch draußen blüht noch nichts und auch ist es zu kalt als dass die Bienen ausfliegen könnten.

Man fragt sich: Ist das klug, was die Bienen da machen? Wäre es nicht besser, im Sinne einer klugen Vorausschau, mit den Vorräten sparsam umzugehen und mit der Aufzucht der jungen Bienen zuzuwarten bis der Winter vielleicht irgendwann zu Ende geht? Aber nein: die Bienen setzen alles auf eine Karte, irgendetwas sagt ihnen: Der Frühling kommt wieder, und die Königin legt mittlerweile täglich an die hundert Eier in die Wabenzellen und täglich schlüpfen junge Bienen und das Volk wächst unaufhaltsam heran. 

Wenn dann die Tage merklich länger werden und die Ausflüge der Bienen schon mit Nektar und Pollen belohnt werden, so sind dies doch noch sehr gefährliche Tage für sie, denn auch nach der Frühlings-Tagundnachtgleiche sind die Wetterverhältnisse noch sehr unstabil. Mit einer gewissen Unruhe verfolgt der Imker die kommenden Wochen: Die wärmende Sonne kann trügerisch sein, gerade lockt sie noch die Bienen ins Freie, da können schon im nächsten Moment eine Wolke, Windböen, Regen- und Schneeschauer die Bienen überraschen, sodass sie, vor Kälte klamm geworden, den Weg zurück in den Stock nicht mehr schaffen. Aber auch in dieser schwierigen Zeit der unsicheren Wetterverhältnisse lassen sich die Bienen nicht zurückhalten und ohne Rücksicht auf das eigene Leben begeben sich immer mehr von ihnen auf den oft lebensgefährlichen Ausflug. Immer dringender braucht das Bienenvolk neuen Nektar und frischen Pollen und dieser befördert weiter die Entwicklung der jungen Brut.

Und ist dann der Frühling so richtig da, wenn ein Meer von Blüten die Kirschbäume landauf, landab in weiße Kugeln verwandelt, dann sind mit einem Schlag die Bienen in voller Stärke da. Während andere blütenbesuchende Insekten so früh im Jahr nur ganz vereinzelt zu finden sind, durchdringen die Bienen millionenfach die gesamte Landschaft. Sie bringen den Blüten die Befruchtung und sammeln die kostbaren Geschenke der Blüten ein: Nektar und Blütenpollen. Könnte man die Flugbahn jeder einzelnen Bienen mit einem dünnen goldenen Faden sichtbar machen, wäre die gesamte Landschaft von einem zarten Gewebe überzogen, einem feinen goldenen Vlies, das der Natur neues Leben bringt.

Text: Roland Berger

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